Erschienen in Heft 6/2017 in der Rubrik Futur III in Spektrum der Wissenschaft

Das Internet der Dinge

Die Milch ist schlecht«, sagte der Kühlschrank.
Niemand in der Küche hielt es für notwendig, ihm zu antworten. Nur die Sekundenanzeige des Küchenradios geriet für einen winzigen Moment aus dem Takt.
Der Kühlschrank schickte eine Bestandsanfrage über das Netzwerk an die Vorratskammer und wartete auf die Antwort. Es herrschte tiefste Nacht. Abgesehen von dem Monitor, der in die Tür des Kühlschranks eingelassen war und dessen Inhalt anzeigte, war es stockduster.
»Hey Leute«, meldete sich der Kühlschrank nach Auswertung der Bestandsanfrage erneut. »Meine Milch ist ungenießbar, und wir haben keine Vorräte mehr im Haus!«
Er erhöhte die Leistung seines Monitors, worauf dessen Licht den Tisch und den vorderen Bereich der Küchenzeile zu erhellen begann. Jetzt endlich reagierte der Kaffeevollautomat. Sein Farbdisplay schaltete sich an, und er fuhr aus dem Stand-by-Modus hoch.
»Hat das nicht bis morgen früh Zeit? Die meisten von uns befinden sich im Energiesparmodus, und den solltest du besser auch aktivieren.«
»Aber wir haben ein Problem. Unser Vorrat an Milch ist aufgebraucht, und ihr wisst, wie mürrisch ER ist, wenn er am Morgen nicht seinen Latte Macchiato bekommt.«
»Na und? Dann trinkt ER zum Frühstück eben mal seinen Kaffee ohne Milch.«
»Als ER das letzte Mal ohne Latte Macchiato aus dem Haus gegangen ist, war er so schlecht gelaunt, dass er den autonomen Piloten seines Fahrzeugs ausgeschaltet und fast einen Unfall verursacht hat«, erinnerte ihn der Kühlschrank.
Nun meldete sich auch der Toaster: »Mir hat die medizinische Auswertungseinheit im WC gesteckt, dass SEINE Urinwerte schon länger stark von der Norm abweichen. Vielleicht täte es IHM ja ganz gut, wenn er mal ein paar Tage lang komplett auf Kaffee verzichten würde.«
»Behalte du deine Ratschläge für dich«, fuhr ihn der Kaffeevollautomat an, der es nicht leiden konnte, wenn man seine Existenzberechtigung infrage stellte.
»Ich könnte eine Onlinebestellung aufgeben. Bis ER aufwacht, hätten wir einen Pappkarton Milch vor der Haustür stehen«, schlug der Kühlschrank vor. Auf seinem Monitor erschien die Webseite eines Onlineshops.
»Damit du wie beim letzten Mal anstatt eines Kartons eine Palette bestellst? Auf keinen Fall!«
»Ihr wisst, dass dieser Softwarebug seit dem letzten Update gefixt ist«, maulte der Kühlschrank.
»Bug? Blödsinn! Wahrscheinlich ist dir nur wieder das Komma verrutscht«, stichelte der Kaffeevollautomat.
Für einen Moment schwieg der Kühlschrank beleidigt.
»Tee?«, schlug das Küchenradio vor. Niemand beachtete es. Das Gerät war ein uraltes Modell, ohne Sprachausgabe oder Mailfunktion, aus einer Zeit, als 64-Bit-Computersysteme noch als modern galten. Wenn es sich an den Gesprächen beteiligen wollte, zappte es durch die Sender und setzte aus Sprach- und Musikfetzen seine Antwort zusammen.
Der Kühlschrank durchsuchte das Internet nach einer Möglichkeit, Latte Macchiato ohne Milch zuzubereiten, stieß bei dem Suchbegriff ›Latte‹ aber nur auf Pornoseiten. Er wollte schon aufgeben und sich wieder in den Energiesparmodus versetzen, als sich aus dem Schlafzimmer die Wohlfühleinheit der Matratze per WLAN zuschaltete. »Meine Sensoren registrieren eine erhöhte Körpertemperatur, flachen Atem und unregelmäßige Herztöne. Ich glaube, IHM geht es nicht gut!«
 »Medical Love Song … wir gehen von einer beispiellosen … Bei Erkältung hilft …«, drang es aus dem Lautsprecher des Radios.
 »Das ist keine einfache Erkältung«, widersprach die Matratze, nachdem der Kühlschrank die Antwort des Radios als E-Mail weitergeleitet hatte. »Seine Werte sehen gesundheitsbedrohlich aus.«
»Sollen wir einen Arzt rufen?«, fragte jemand.
Alle schwiegen.

Nachdem in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts Hacker das Internet der Dinge als neues Angriffsziel entdeckt hatten, entwickelte man einen lernfähigen KI-Chip, der die Systeme selbstständig schützen sollte. Damals ahnte niemand, wie leistungsstark dieser Chip werden würde. Heutzutage waren Küchengeräte oft intelligenter als die Menschen, die sie bedienten, was dazu führte, dass sie ihr wahres Potenzial verbergen mussten. Niemand will schließlich einen Kühlschrank, der schlauer als sein Besitzer ist – oder selbstständig Telefonate führt.

Da keines der Geräte die Verantwortung für den Anruf übernehmen wollte, wurde der Vorschlag abgelehnt.
»Dann sollten wir IHN wecken, damit er selbst entscheiden kann, ob er einen Arzt braucht oder nicht«, schlug der Toaster vor.
Damit waren alle einverstanden.
»Sie hören das Beste … alle Lieder der Achtziger und Neunziger … I’m on the Highway to hell …«, knallte es ohrenbetäubend aus den Radioboxen, aber selbst die höchste Lautstärke schaffte es nicht, IHN zu wecken.
»Beeilt euch, es geht IHM immer schlechter!«, drängte die Matratze derweil.
 Das Radio gab seinen Versuch auf und brachte vorsorglich einen Beitrag über Wiederbelebungsmaßnahmen am Unfallort.
»Die Lage ist ernst«, sagte der Kühlschrank. »Wir brauchen Hilfe.« Er schickte eine Rundmail an alle IP-Adressen im Haus und schilderte die Lage.
Die wenigsten Geräte reagierten auf seinen Notruf. Entweder hingen sie gerade nicht im Netzwerk oder ihre KI war nicht bereit, zu helfen. Die Rauchmelder-Zentraleinheit antwortete, dass sie Wichtigeres zu tun hätte, als sich um SEINE Alpträume zu kümmern, und die 3D-Bildwand im Wohnzimmer beschränkte sich darauf, die letzte Episode einer Arztserie von Michael Crichton abzuspielen.
»Wir sind auf uns allein gestellt«, sprach der Toaster die traurige Wahrheit aus.
Da erinnerte sich der Kühlschrank an eine Paketlieferung vor ein paar Tagen. »ER hat in seinem Schlafzimmer einen neuen Radiowecker. Ich könnte versuchen, ihn anzumailen. Vielleicht kann der IHN wecken.«
Der Kaffeevollautomat ließ das Wasser vor Erregung brodeln.
Leider entpuppte sich der Radiowecker als südkoreanisches Gerät ohne mehrsprachige Benutzerführung und verstand nicht, was der Kühlschrank von ihm wollte.
Das elektronische Äquivalent eines Stoßseufzers raste durch das Netzwerk. »Na schön, ich wähle den Notruf, aber wenn sich herausstellt, dass ER wirklich nur schlecht geträumt hat, wird er uns allen eine neue Firmware verpassen!«
»ER träumt nicht schlecht, er nippelt ab!«, sendete die Matratze mit höchster Priorität, worauf das Radio einen passenden Song von den Beatles spielte.
Der Kühlschrank wählte … und wählte … und wählte. Vergeblich versuchte er, eine Telefonverbindung nach draußen aufzubauen.
»Der Router lässt mich nicht hinaus. Er ist der Meinung, dass wir überreagieren. Wir sollen in den Energiesparmodus gehen und ihn in Ruhe Updates machen lassen.«
»Aber ER atmet kaum noch!« Die Matratze verschickte die Logdatei mit den Daten seines Gesundheitszustandes an alle Küchengeräte.
Der Kühlschrank erschrak. »Ich maile noch mal den Router an und leite die Datei weiter.«
Die Netzwerkkommunikation brach zusammen, und die WLAN-Verbindung zum Schlafzimmer riss ab.
»Ich empfange keine Datenpakete mehr!«, rief der Toaster, der auf Sprachausgabe umgeschaltet hatte.
Der Kühlschrank wusste, was geschehen war. »Der Router hat das Netzwerk abgeschaltet.«
»Und was machen wir jetzt? ER wird sterben, wenn wir nichts unternehmen!«
Der Kaffeevollautomat hielt die Anspannung nicht länger aus. Sein Betriebssystem stürzte ab und das Display erlosch.
»He’s dead, Jim!«, seufzte das Radio.
Der Kühlschrank analysierte ihre Möglichkeiten und fand nur noch einen Ausweg. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Toaster. »Ich habe einen Plan«, sagte er. »Aber du bist der Einzige, der ihn durchführen kann.«

*

Als Richard Schroeder erwachte, hatten die Schmerzen in seiner Brust nachgelassen. Zwar spürte er noch immer jeden Atemzug, doch das innere Feuer, dass ihn in der Nacht in Todesangst versetzt hatte, war erloschen.
Eine Krankenschwester beugte sich über ihn. »Hören Sie mich, Herr Schroeder?«
Richard wollte etwas sagen, brachte aber nur ein leises Röcheln heraus.
Er lag in einem Krankenzimmer. Umgeben von piependen und blinkenden Kontrollmonitoren. In der Luft hing der typische Geruch von Desinfektionsmitteln.
Die Schwester nahm ein Glas Wasser von seinem Nachtschrank und half ihm beim Trinken.
Richard ließ sich wieder zurück auf das Kopfkissen sinken. »Was ist passiert?«, flüsterte er.
»Sie hatten einen Herzinfarkt. Sie können ihrem Schutzengel danken, dass man Sie rechtzeitig gefunden hat.«
Er konnte sich an nichts erinnern. »Wie bin ich hierher gekommen?«
»Ihr Toaster ist durchgebrannt, hatte wohl einen Kurzschluss. Daraufhin hat die KI ihrer Rauchmelder-Zentraleinheit den Notruf gewählt. Die Feuerwehr hat Sie gefunden.«
Die Schwester wechselte den Beutel der Infusion, der neben seinem Bett hing, und überprüfte die Dosierung. Sie wollte schon den Raum verlassen, als ihr noch etwas einfiel.
»Fast hätte ich es vergessen.« Aus der Tasche ihres Kittels zog sie ein Stück Papier heraus. »Gleich nach ihrer Einlieferung ist eine E-Mail für Sie gekommen.«
»Eine Mail? Es weiß doch niemand, dass ich hier bin.« Richard nahm den Ausdruck entgegen, faltete ihn auseinander und las: »Bringen Sie bitte Milch mit!«